
Kognitive Dissonanz - oder warum wir lieber Papierrechnungen verschicken als unser Meinung zu ändern
«Wenn Menschen vor der Wahl stehen, ihre Meinung zu ändern oder zu beweisen, dass das nicht nötig ist, machen fast alle Letzteres.»
Dieser Satz stammt von dem Ökonomen John Kenneth Galbraith und bezog sich auf den Unwillen seiner Kollegen, trotz schlagender Argumente, lieber an ihren bestehenden Überzeugungen festzuhalten, als sich für andere Meinungen zu interessieren.
Der Satz passt leider auch auf andere. Uns selbst zum Beispiel. Denn wenn eine Freundin, ein Kollege oder unsere Partnerin ein (gutes) Argument bringt, das aber gegen unsere Überzeugung spricht – was machen wir? Anstatt neugierig nachzufragen, fühlen wir uns angegriffen und greifen zur sinnlosesten aller rhetorischen Waffen: der Rechtfertigung. Wir versuchen lieber zu erklären, warum wir nicht umdenken müssen, als zu überlegen, ob wir vielleicht falsch liegen könnten (zum Beispiel, dass wir unsere Rechnungen immer noch per Post verschicken).
In der Psychologie bezeichnet man solches Verhalten als «kognitive Dissonanz»: Das unangenehme Gefühl, zwei widersprüchliche Gedanken gleichzeitig zu haben. Zum Beispiel: «Ich bin klug» und «Ich habe einen Fehler gemacht». Das geht nicht zusammen. Und um diesen inneren Konflikt aufzulösen, ignorieren wir Fakten, hören weg, verschliessen die Augen – machen alles, um bloss nicht diese vier Worte sagen zu müssen: «Vielleicht habe ich unrecht.»
Dabei ist es ein grossartiger Satz, der beim Gegenüber automatisch ein Verständnis und Interesse auslöst. Und wir wissen ja, dass uns kein Zacken aus der Krone fällt, wenn wir einen Fehler zugeben. Im Gegenteil, oft erscheint derjenige, der anerkennt, dass er etwas nicht weiss, viel schlauer als derjenige, der anderen die Welt erklärt. Ausserdem: Die Einsicht, falsch zu liegen, ist die Voraussetzung, um etwas Neues zu lernen. Denn am Ende ist es nicht die Beharrlichkeit unserer Meinung, die uns klug macht – sondern die Bereitschaft, sie immer wieder neu zu prüfen.
Wer seit einem Jahr dieselbe Meinung zu allem hat, hat eventuell ein Jahr lang nicht genug nachgedacht. Was man machen kann? Vielleicht sich den Leitsatz des verstorbenen Investors Charlie Munger zu Herzen nehmen: «Ich erlaube mir erst eine Meinung, wenn ich die Argumente der Gegenseite besser verstanden habe als sie selbst.»
